FW Kreis

Abstempeln statt abhängen

ERLANGEN – Die Freien Wähler im Landkreis Erlangen-Höchstadt sorgen sich um die Lebensqualität der Bürger. Explodierende Mieten und ein Verkehrskollaps sollen abgewendet werden. Dazu könnte die Tarifstruktur des Öffentlichen Personennahverkehrs reformiert werden. Dies betonten die Kandidaten für Landtag und Bezirkstag nach einer Sternfahrt an den Erlangern Busbahnhof.

„Artikel 3 der bayerischen Verfassung fordert die Herstellung von gleichwertigen Lebensverhältnissen in Stadt und Land“, sagt Christian Enz. Davon, so beklagt der Direktkandidat der Freien Wähler für den Landtag, sei im Alltag jedoch nur wenig zu spüren. „Deshalb explodieren in Erlangen, Nürnberg und Fürth die Mietpreise. Gleichzeitig setzt in den ländlichen Gebieten der Metropolregion bereits die Entvölkerung ein“. Damit, so betont Bezirkstags-Direktkandidat Dr. Martin Oberle, kämen zusätzliche Belastungen auf die Region zu. „Der Bezirk ist in erster Linie für die Daseinsvorsorge seiner Bürger verantwortlich. Doch wo junge Menschen fehlen, ist es schwer und teuer, ärztliche Versorgung oder Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen“.

Nutzung von Linienbussen stärken

Ein Kernproblem, so die Freien Wähler, sei dabei die Verkehrssituation. „Wer nicht mit der S-Bahn an den Arbeitsplatz kommt, steht täglich und lange im Stau“, kritisiert Eckentals Landtags-Listenkandidat Michael Schöllkopf. „Darauf hat keiner ewig Lust. Irgendwann ziehen die Leute dann in die Städte hinein – wenn sie es irgendwie bezahlen können“, ergänzt Bezirkstags-Listenkandidat Markus Saft aus Kalchreuth. Gerade ländliche Regionen drohen so abgehängt zu werden. Für weniger Verkehr auf der Straße und mehr Lebensqualität wollten die Freien Wähler im Kreistag deshalb mit einem verbesserten Nahverkehr sorgen. „Inzwischen haben wir eine hervorragende Erschließung des Landkreises durch Linienbusse. Diese werden allerdings viel zu wenig benutzt“, beklagt Oberle. Für ihn ist dies kein Wunder. „Denn der VGN ist teuer“. Eine pauschale Aussage, die der Bezirkstagskandidat jedoch schnell mit Leben füllt. „Wer von Höchstadt aus Erlangen – wie etwa zu diesem Pressetermin –mit dem Bus besucht, zahlt zwölf Euro. Das ist wenig attraktiv, besonders wenn man abends zu zweit oder in der Gruppe unterwegs ist“.

Tarifsystem ein Verstoß gegen die Verfassung?

Noch teurer ist der ÖPNV für Christian Enz, der für knapp 12 Euro von Bad Windsheim zum Kandidatentreffen an den Erlanger Bahnhof gereist ist. Hin- und Rückfahrt hätten zusammen 24 Euro gekostet. Damit wäre die Fahrt beispielsweise doppelt so teuer wie ein Kino-Besuch. Der in Höchstadt wohnhafte Landtagskandidat arbeitet in Bad Windsheim – und ist beinahe täglich im gesamten Aischgrund unterwegs. „Von Uehlfeld aus klappt das gut und ist in den modernen Bussen auch bequem“, sagt er. Dennoch nutzt Enz den Linienverkehr nur selten. „Denn man ist deutlich länger unterwegs, weniger flexibel – und muss dafür noch einen stattlichen Preis berappen“. Immerhin 14 Euro schlagen für Hin- und Rückfahrt zu buche. Günstiger pendelt es sich von Kalchreuth in die Hugenottenstadt. „Die Fahrt hierher kostet zirka 3,50 Euro“, bestätigt Markus Saft. Doch es geht noch günstiger. Eine Fahrt von Dechsendorf nach Erlangen ist mit 2,02 Euro bepreist. Für Enz ist dies Systemfehler und Verstoß gegen die Verfassung zu gleich. „Der VGN ist kein Unterhaltungsbetrieb. Es gibt keinen Grund für längere Strecken mehr zu verlangen – wie man dies von Kinofilmen kennt“, sagt Christian Enz. „Die Verfassung fordert, Menschen in Stadt und Land gleich zu stellen. Wer außerhalb lebt, entlastet den Wohnungsmarkt. Das darf nicht an Fahrkartenautomaten bestraft werden“. Deshalb fordert der Landtagskandidat für alle Fahrten innerhalb des VGN den gleichen Preis. Dies wäre nicht weniger, als eine Revolutionierung des Tarif-Systems. Rückendeckung erhält er dabei von Michael Schöllkopf. „Berücksichtigt man die Schonung von Straßen und Natur, ist es rentabel und gerechtfertigt, längere Strecken zu verbilligen“. Auch die FW-Bezirkstagskandidaten tragen diesen Vorstoß mit – und präsentieren gleich einen konkreten Preis. „Wir sind der Meinung, dass die Nutzung des VGN pro Tag einen Euro kosten sollte“, erklärt Markus Saft. „Dies können sich auch sozial schwache Menschen wie Schüler oder Rentner leisten“, ergänzt Martin Oberle.

Geld für ÖPNV statt Länderfinanzausgleich

Als es um die Stadt-Umland-Bahn ging, traten die Freien Wähler aus Kostengründen auf die Bremse. „Die finanzielle Belastung für kommende Generationen wäre unverantwortlich gewesen“, erinnert sich Oberle. Für ihren Vorstoss wissen die Kandidaten die Basis in Kreis- und Ortsverbänden jetzt aber hinter sich. Sowohl FW-Kreistags-Fraktionssprecher Gerald Brehm als auch Bürgermeister-Sprecher Ludwig Wahl begrüßen die Forderung der Kandidaten. „Wer die tägliche Blechlawine in Richtung Erlangen sieht, der weiß, dass etwas passieren muss“, betont Wahl. „Klar ist aber auch, dass weder die Kommunen noch der Kreis auf Dauer allein für die Kosten des ÖPNV aufkommen können“, so Brehm. Deshalb stellt Christian Enz klar, dass die nach Reduzierung des Fahrpreises fehlenden finanziellen Mittel aus dem Staatshaushalt kommen müssen. Das Geld dazu ist aus seiner Sicht da. „Aktuell zahlt Bayern jährlich weit über 2 Milliarden Euro in den Länder-Finanzausgleich. Andere Bundesländer gönnen sich davon soziale Wohltaten wie kostenlose Kindertagesstätten, gebührenfreien Straßenbau oder eben günstige Fahrpreise in Bussen und Bahnen“, ist sich der Landtagskandidat im Klaren. Von diesen in Bayern erwirtschafteten Geldern will er mehr in den ÖPNV des Freistaats stecken. „Dies entlastet Pendler, steigert die Produktivität im Freistaat – und ist damit auch gut für die übrigen Bundesländer. Denn nur wenn es Bayern gut geht, können wir andere unterstützen“.

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